Massen-Papi

Gebannt lauschen die Kids Navaraj, der ihnen detailliert vom neuesten Bollywood-Kassenschlager berichtet.
Gebannt lauschen die Kids Navaraj, der ihnen detailliert vom neuesten Bollywood-Kassenschlager berichtet.

Erdbeben – das ist gerade nur eine vage Erinnerung und kommt nur hoch, wenn sich die Erde mal wieder bewegt, was glücklicherweise zu einer Seltenheit geworden ist. Der Schreck ist dann in der ersten Sekunde groß, verfliegt aber nach wenigen Sekunden, wenn alles wieder still ist. Außerdem haben die Kids etwas völlig anderes im Kopf: Nach den „pre-tests“ vor wenigen Wochen, quasi Vor-Zwischenprüfungen, die eher der Überprüfung des eigenen Wissenstands dienten, folgen ab nächster Woche die richtigen Zwischenprüfungen. Acht Tage lang, jeden Tag eine Prüfung, die sich über knapp zwei bis drei Stunden zieht. Die meisten haben nichts zu befürchten – es gibt sogar etliche Klassenbeste in unseren Reihen. Ein paar Problemkinder gibt es trotzdem – ich habe ja schon von unserer special Manisha berichtet, die eigentlich in eine Behindertenwerkstatt gehört und den Schulstoff mittlerweile überhaupt nicht mehr erfassen kann. Oder mein ADHS-Schützling Navaraj, der keineswegs dumm ist, sich aber nicht konzentrieren kann und außerdem schlichtweg faul ist. Immerhin nicht unkreativ: Die Frage „How do you call a man who takes care of animals“ hat er im pre-test mit „a good man“ beantwortet, „A box where you put dead people in are is called ____“ mit „death“. Aber es gibt keine Kreativitätspunkte, sondern nur richtig und falsch, und als seine Antwort auf „What are some solutions to societyʼs problems“ ernsthaft lautet „quarelling and fighting with family and friends“, ist klar, dass er durchaus ein paar Verständnisprobleme hat.

Also wird gepaukt. Fein säuberlich schreibe ich ihm etliche Unterrichtsinhalte und Fragestellungen auf Karteikarten, und gehe sie einzeln mit ihm durch, denn: Alle Antworten auf die Prüfungsfragen stehen ja schon beantwortet im Heft und müssen lediglich auswendig gelernt werden. Es handelt sich um eine reine Fleißarbeit. „What are the differences between vertebrates and invertebrates?“, frage ich zum gefühlten fünfzigsten Mal und schaue gar nicht auf die Karte, weil ich die Antwort inzwischen selbst auswendig kann. Und kaum sind die ersten mit study time fertig, wird Navaraj äußerst hippelig, denn er will ebenfalls raus und spielen. „There is always time to play“, versuche ich ihm zu erklären, „but we have to finish this.“ Das will er nicht einsehen und wird bockig, und weil er bockig wird, ist er unkonzentriert, und weil er unkonzentriert ist, bringt er nichts mehr auf die Reihe. Aber da ich mich weigere aufzugeben, müssen eben andere Methoden her, und so wird die Gummibärchen-Tüte geöffnet und auf die Rückseite jeder Karteikarte ein Tierchen platziert. „One for each correct cited card“, biete ich ihm an. Und die Motivation kehrt zurück.

Die meisten Mädchen sind das komplette Gegenteil – universales Syndrom? Jedenfalls kommen die teilweise in der Freizeit zu mir und bitten mich, sie abzufragen. Und das, obwohl ich genau weiß, dass sie bereits alles perfekt beherrschen und nur des Fleißes willen lernen.

Abends bin ich müder denn je. Denn ich spüre einen Unterschied zwischen dem normalen Hausaufgabenberg am Nachmittag, der zwar umfangreich, aber dennoch mit guten Kräften zu bewältigen ist. Jedoch ein paar Stunden lang konzentriert lernen, ist ein ganz anderer Schnack – teilweise wünsche ich mir die anderen volunteers zurück, damit wir die Lernhilfe ausgewogen verteilen könnten, aber so muss ich eben allein hinhalten.

Und nicht nur beim Lernen. Vor den Prüfungen haben die Kids insgesamt drei Tage schulfrei – einmal ist general strike, einmal normaler Samstag, einmal school holiday als Vorbereitungstag auf die Prüfungen. Natürlich pauken die Kids nicht von früh morgens bis spät abends, aber es ist ja nicht so, dass ich in der Freizeit nicht weniger gefordert werde. Ich merke das vor allem am Samstag. Am Abend vorher teilt Navaraj (nicht der kleine, sondern der Leiter der Einrichtung) mir beiläufig mit, dass er und seine Familie den kompletten Samstag in ihrem Heimatdorf verbringen. Navaraj hat nämlich eine Frau gefunden, und derzeit werden Heiratpläne geschmiedet, die die ganze Familie in helle Aufregung versetzen. Anders als bei der vorigen Hochzeitsoption vor ein paar Monaten darf er mit dieser Frau vor der Hochzeit sogar schon Kontakt haben und sie kennenlernen. Sie sind sogar Facebook-Freunde – wenn das mal nicht was heißen soll! Jedenfalls erklärt er mir, dass er die Jungs aus der 10. Klasse runter zu den Kleinen nach Gongabu schickt und mir die Verantwortung für das Dhapasi-Haus überträgt. „Öh … okay?“, murmele ich etwas überrumpelt, denn normalerweise ist zumindest seine kleine Schwester da, wenn er außer Haus ist, und hat das Sagen (die Frau ist übrigens ein Thema für sich und verdient so einige Sonder-Blogs …). Aber ich fühle mich auch geehrt, dass er mir die Verantwortung anvertraut, und abgesehen davon sind die Großen so selbstständig, dass sowieso alles fast wie von selbst laufen wird.

Weil wegen des Streiks gestern schulfrei war, haben die Kids gestern Nachmittag schon geduscht. Was bedeutet, dass heute in der Frühe regulär gelernt wird. Was bedeutet, dass mein Samstags-Ausschlafen (na ja, eher „Ausschlafen“ – also statt bis 5 Uhr ne Stunde länger) ausfallen muss. Aber beherzt und motiviert bin ich um halb sechs unten, wo die Kids ihre Morgenmilch schlürfen und sich von Navaraj und seiner Schwester verabschieden. Kaum hat sich das Tor hinter ihnen geschlossen, bin ich versucht, „PART-AAAAAY TIME!“ zu brüllen, aber äußerst gesittet geht es nach innen, die Schulbücher werden aufgeschlagen, das morgendliche Lernen beginnt routiniert und ohne disziplinarische Probleme. Ich bin beeindruckt (und erleichtert), dass der kleine Navaraj die Lerninhalte vom Vortag noch kann. Die nächsten Karteikarten folgen. Nur lernen wir normalerweise oben und sind unter uns, und nun sind wir inmitten des Lerngewusels, und wenn uncle schon mal dabeisitzt, kann man ihn ja auch in Beschlag nehmen. „Uncle, make me also, please!“, bittet mich Samjhana und zeigt auf die science-Karteikarten. Mich rührt ihr Lerneifer, aber sie ist in sciene Klassenbeste – ich muss die Bitte also ausschlagen. Prakash schaut ebenfalls interessiert zu, während ich Navaraj abfrage. „Uncle, youʼre forgetting questions.“ Er erklärt mir, dass meine Lernhilfen nur etwa knapp die Hälfte des Materials ausmachen, das in der Prüfung drankommt. „I know“, erwiderte ich. „This is not about a good grade. This is about not failing the test.“ Nach zwei Stunden sind alle geschlaucht und freuen sich auf das Dal Bhat, allerdings werden meine eifrigen Anstrengungen mit Gottes Zorn bestraft, denn es gibt ausgerechnet heute mein Hassgemüse bitter gourd, von dessen Existenz ich vor Nepal nichts wusste und hoffe, dass ich sie nach Nepal auch wieder vergessen werde (glücklicherweise die einzige Dal-Bhat-Beilage, die ich ungern esse). Die Kids hingegen lieben es – denn was unerträglich bitter ist, muss ja schließlich gesund sein.

Nach dem Frühstück ist Freizeit. Wie auch das Lernen verlaufen die Aktivitäten wirklich sehr selbständig – im Grunde könnte ich verschwinden und bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Aber ich verweise auf meine Aussage oben: Wenn uncle schon mal da ist, kann man ihn ja auch in Beschlag nehmen. Und bei über 30 Jugendlichen gibt es immer irgendjemanden, der gerade etwas braucht. „Uncle, give me rope, please!“ (also Wolle für Freundschaftsbändchen) „Uncle, give me ball pump, please!“ „Uncle, help me with this drawing, please!“ „Uncle, play basketball with us, please!“ Einer verletzt sich am Zeh und muss verarztet werden. Ein Mädchen hat plötzlich Kopfweh. Die nächste Wolle wird eingefordert. Auf dem Sportplatz entbrennt ein Streit, weil einer der Jungen das klapprige Fahrrad für sich allein beansprucht und die anderen nicht fahren lässt. „Such a naughty boy! Such a naughty boy!“, ruft eines der Mädchen empört. Im study room ist das große Keyboard aufgestellt, das ich vor ein paar Tagen gekauft habe. Natürlich wollen einige nur klimpern, viele sind aber aufrichtig daran interessiert, das Notenlesen zu lernen. Also husche ich immer wieder rein, schreibe Rhytmen und Noten an die Tafel und lasse den nächsten üben. Draußen im kleinen Schuppen erklingen Schlagzeug und Gitarre. „Uncle, I need new drum beats, please“, bittet einer der Jungen. „Can you look some up on the computer?“ Ja, mach ich. „And song text for me“, fällt einem anderen ein. „Yes, for me too“, ruft ein weiterer. „And music video for me!“, kommt auch ein Mädchen dazu. „Uncle, please teach me this song on the piano“, sagt ein Mädchen und drückt mir ein Notenblatt von „We wish you a Merry Christmas“ in die Hand. Ein Junge schlingt seine Arme um mich und singt mir ein Lied vor. Zwei weitere Jungen stoßen dazu und drücken mir einen platten Fußball in die Hand: „Uncle, can you fix this?“ Ich wage einen Blick zur Uhr. Es ist erst eine Stunde seit dem Frühstück vergangen? Are you kidding me?

Aber je mehr ich mich mit den Kids beschäftige, desto mehr vergesse ich die Zeit. Wie geschlaucht ich bin, merke ich nur zwischendurch, wenn es mir gelingt, Luft zu schnappen (was bedeutet, dass ich kurz auf Klo verschwinde). Ich schaue in den Spiegel und sehe, dass mein T-Shirt übersät ist mit den Schweißflecken der Jungen, die immer wieder ankommen und eine Umarmung einfordern – oder einfach eine bekommen, ob sie nun wollen oder nicht. Ich muss grinsen. Massen-Papi, geht es mir durch den Kopf. I like it.

Als nachmittags dann der Monsun einsetzt und es in Strömen gießt, verpflanze ich die muntere Schar dann doch vor den Fernseher, damit ich mich vor dem Laptop beim Sport ein bisschen auspowern kann. Die Zwillinge wollen unbedingt mitmachen. „Donʼt expect mercy from Shaun T., though!“, warne ich sie vor. Zehn Minuten halten sie tapfer durch. „So much sweat, uncle, so much sweat“, verkünden sie dann und gesellen sich zu den anderen in den TV room.

Dann hört der Regen auf, die Wolkendecke reißt sogar ein bisschen auf und lässt Sonnenlicht durch. „Enough Bollywood crap for today“, rufe ich und schalte den Ferrnseher rigoros aus. „NOOOOO!“, rufen die Mädchen entsetzt, denn immerhin haben sich Handsome Bollywood Man 1 und Handsome Bollywood Man 2 in dem Luxus-Penthouse von Bollywood Beauty gerade einen extrem stylishen Fight geliefert, vor dem James Bond erblasst wäre. „This tramp is not worth the effort anyway!“, erkläre ich, aber manchmal verstehen die Nepalesen meinen ausgereiften Humor einfach nicht. Die Proteste halten zwar an, aber kaum sind die Kids rausgeströmt, vergnügen sie sich auch schon wieder anderweitig und haben den Fernseher vergessen. Leider setzt der nächste Regenguss nach nur einer Dreiviertelstunde ein, nicht weniger heftig als der vorige. Ich lasse mich breitschlagen, dass sie den TV room erneut okkupieren dürfen, aber nur unter der Bedingung, dass sie einen englischsprachigen Film schauen. „Thatʼs not possible“, versucht mir Kamal klarzumachen. „Boys want action movie, girls want love story.“ Es muss doch einen Mittelweg geben! Aber egal was ich vorschlage, auf einer Geschlechterseite herrscht Naserümpfen. Schließlich schiebe ich einen „Muppets“-Film in den DVD-Spieler in der Hoffnung, dass die Puppen irgendeine Form von positiver Aufmerksamkeit erhaschen. Tun sie auch. Bei mir. Nach nur wenigen Minuten kichere ich immer heftiger. „Uncle …“ Dinesh stößt mich zaghaft an. „Youʼre the only one laughing.“ Ist ja gut, ist ja gut! Gemeinsam mit Kamal begebe ich mich auf die Suche nach einem Film, den sie besser leiden können, aber nachdem wir nach einer Viertelstunde immer noch nichts gefunden haben, vernehme ich doch tatsächlich ein paar Lacher aus dem Fernsehzimmer. Neugierig stecke ich den Kopf rein. „Itʼs okay, uncle!“, verkündet Kem Raj. „We like it now!“

„How was your day?“, fragt Navaraj grinsend nach seiner Rückkehr. „Exhausting“, räume ich ein und spreche nicht aus, wie sehr ich mich auf mein Bett freue, in das ich nach dem Abend-Dal-Bhat und nachdem ich die Brüder Ramesh und Umesh nach Hause gebracht habe, überglücklich fallen werde. „But also good“, füge ich gleich hinzu. Sehr gut sogar. Die Aufmerksamkeit schlaucht – aber letzten Endes überwiegen doch sowieso die Dankbarkeit und Liebe. Und damit werde ich hier schließlich so überhäuft, dass mir die Vorstellung, in vier Wochen gehen zu müssen, geradezu Angst macht. „I love you so much that I will not let you go“, sagt mir einer der Jungen abends vor dem Schlafengehen und drückt mir drei Küsse auf die Glatze und zwei auf die Wange und treibt mir damit Tränen in die Augen. sollte es einen Himmel geben, weiß ich vielleicht ein bisschen, wie er sich anfühlt.

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Kommentare: 1
  • #1

    Tiny (Dienstag, 04 August 2015 15:03)

    Ach Ben es ist immer wieder schön deine Berichte zu lesen!
    Genieß deine letzten Wochen!
    :-*